So hat es begonnen
Der zweite Weltkrieg ist beendet. Ängste und Schrecken dieser
schlimmen Zeit sind überstanden. Auch die kleine Gemeinschaft der
Torfwerkssiedlung hat den Krieg durchstehen müssen, und auch hier
hat es Opfer gekostet. Vierzehn Soldaten der Werkssiedlung kehren
nicht zurück. Sie fielen an den Fronten, an die der Krieg sie
verschlagen hatte. Trauer herrscht bei den betroffenen Familien,
die ihren Ernährer, Sohn oder Bruder nicht wiedersehen werden.
Freude jedoch kehrt ein bei den Familien, deren Angehörige Krieg
oder Gefangenschaft überstanden haben und nach und nach heimkehren.
Das Leben normalisiert sich wieder, denn zum Glück ist Hochmoor von
größeren Zerstörungen verschont geblieben. Zwar herrscht Mangel in
allen Bereichen des Lebens, aber man hat Wohnung und rückt enger
zusammen, wo es notwendig wird. Durch den Abzug der
Kriegsgefangenen, die beim Torfwerk eingesetzt waren, ist hier
Bedarf an Arbeitskräften, so daß jeder Heimkehrer seinen
Arbeitsplatz wieder einnehmen kann. Die Nachfrage nach
Torfprodukten ist groß, da auch sie bei der Beseitigung der
Kriegsschäden notwendig sind. Ein besonders begehrter Artikel ist
der Brenntorf, wovon auch der Torfarbeiter profitiert, denn das
Torfwerk stellt den Arbeitern wegen des geringen Geldwertes die
Naturalie Brenntorf als Teil des Lohnes zur Verfügung. Im
Tauschhandel wird hiermit das Notwendige für den Lebensunterhalt
beschafft. Dazu kamen noch die Zuwendungen aus dem Bergbau, mit dem
die Torfindustrie gleichgestellt war. Ein besonders begehrter
Artikel war der "Bergmannsschnaps", wie man diese alkoholische
Zuteilung nannte, weil sie sich gut zum "Kompensieren" eignete, um
an Lebensmittel oder die so knappen Textilien zu gelangen.
Der Tauschhandel blühte, und durch den Bergmannsschnaps auf den
Geschmack gekommen, fanden schon bald einige "Tüftler" den
richtigen Dreh, wie man im "Eigenbau" zu einem solchen Tropfen
kommen konnte. Schornsteine rauchten zu ungewohnten Zeiten, und ein
seltsamer Duft zog durch die Siedlung. Der "Balkenbrand" war
erfunden und nahm einen guten Platz neben dem Bergmannsschnaps ein,
denn es gab schon bald Spezialisten in diesem neuen "Gewerbe". Nach
der langen Zeit der Entbehrungen war der Selbstgebrannte eine
willkommene Bereicherung, zumal in der einzigen Gaststätte bei
Franz Lütkenhaus nur Dünnbier zum Ausschank kam. Man kam wieder in
Stimmung und fand Freude am Leben. So entstand auch der allgemeine
Wunsch nach einem gemeinsamen Fest.
Die Torfwerkssiedlung, bestehend aus der alten Kolonie mit
vierzehn Häusern - der späteren Klasmannstraße -, den fünf
Optantenhäusern mit zehn Familien - dort wo sich heute die
Stephanusstraße befindet -, dem Vennhaus mit dreizehn Familien - an
der Stelle der Stephanuskirche - und einigen Einzelhäusern am
Torfwerk, umfaßte 45 Familien. Wir schreiben das Jahr 1948. Einige "Beherzte" fanden sich
zusammen und schmiedeten an einem Programm für ein gemeinsames
Fest. Die Karnevalstage standen bevor. In Köln und dem übrigen
Rheinland war schon im Vorjahr Karneval gefeiert worden. Man sang
den Schlager: "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien", eine
Parodie auf die drei Zonen der westlichen Siegermächte. Die
Tatsache, daß wieder Karneval gefeiert wurde, sollte dann auch für
die Angehörigen der Torfwerkssiedlung ein Anlaß sein, das erste
gemeinsame Fest nach dem Kriege mit einem Karneval zu begehen. Man
war sich aber auch einig: das Fest mußte einen Mittelpunkt haben,
um den sich alles drehte.
Die "Beherzten" waren Bernd und Fritz Fromm, Jupp Lammering und
Fritz Gutheim. Im Schneiderstübchen von Franz Lütkenhaus fanden die
ersten Zusammenkünfte statt. Es wurde eifrig gesponnen und
diskutiert, dabei aber auch probiert, was die Spezialisten an
"Balkenbrand" zustande gebracht hatten. Es waren anstrengende,
feuchtfröhliche Abende, aber es kam etwas dabei heraus. Man kürte
den ersten Prinzen - es war Fritz Gutheim. In der noch
verbleibenden Zeit bis Karneval herrschte nun reges Treiben in der
Siedlung. Auf dem üblichen Kompensationsweg besorgte man sich
Roggen. Geschrotet wurde dieser einem Fachmann für den begehrten
Tropfen übergeben. Dabei wurde genau festgehalten, welche Mengen
die einzelnen Haushalte abgegeben hatten, um danach die Zuteilung
des Endproduktes bemessen zu können. Wenige Tage später huschten
dann abends dunkle Schatten von Haus zu Haus, und es wurde
ausgeteilt das köstliche Naß aus erster Hand. Derweil saßen die
Frauen daheim und bastelten und nähten an Kostümen aus dem Wenigen,
was man zur Verfügung hatte. Männer, die nicht mit der Beschaffung
der geistigen Getränke zu tun hatten, bauten an originellen
Fahrzeugen und Geräten, schufen Verse und Lieder, um dem Fest
den richtigen karnevalistischen Rahmen zu geben. Alles war auf den
Beinen, jeder trug sein Scherflein bei. Als dann das Fest begann
und unter den Klängen einer Zweimannkapelle aus Gescher der Prinz
einzog, war der Saal bei Lütkenhaus bis auf den letzten Platz
besetzt. Präsident Jupp Lammering proklamierte Fritz Gutheim zum
ersten Prinz Karneval von Hochmoor. Vielleicht interessiert es den
Leser, wie sich der erste Prinz, der vor nunmehr 40 Jahren
proklamiert wurde, seinem Narrenvolk vorgestellt hat. Hier der
Wortlaut seiner Rede:
"Mein geliebtes drolliges Narrenvolk!
Nachdem ich soeben vom Präsidenten Jupp zum durchleuchteten
Prinz Karneval von Jingerloh-Probstania ausgerufen worden bin, will
ich auch nicht länger zögern und das Ruder des Karnevalsschiffes,
das durch die langen Kriegsjahre schon etwas morsch geworden ist,
in die Hand nehmen. Blast mit mir in Windstärke 8, und mit vollen
Segeln geht's hinein ins Vergnügen.
Wir wollen unseren schönen Fastelovend, den unsere Väter und
Mütter schon mit Begeisterung und Ausdauer gefeiert haben, so
richtig mit unserem urwüchsigen Humor, der ja uns allen angeboren
ist, begehen.
Jawohl, wir haben Humor! Wir können sogar das Recht für uns in
Anspruch nehmen, daß der Humor bei uns zuhause ist. Tatsächlich
steht die Wiege des Humors hier bei uns in Jingerloh-Probstania und
nicht am Rhein, wie die Rheinländer behaupten. Als nämlich vor
vielen Jahren der erste Mensch, sozusagen unser Urmensch, in der
Gegend von Peirick seinen ersten Schritt in unser Land machte und
gleich bis zum Kragenknopf (den er noch gar nicht kannte) versank,
da rief er voll Begeisterung: 'Hu Moor'.- Seht Ihr, so wurde der
Humor geboren. Erst von hier zog er aus nach Rhein und Ruhr - und
kam nicht wieder.
Da wir nun heute wieder bis zum Halse drin stecken, soll uns der
alte Humor wieder geboren werden, und auch wir alle halten uns an
das Leitwort: Wenn uns auch manches Kummer macht, Humor ist, wenn
man trotzdem lacht.
Unter diesem Motto wollen wir auch unseren Fastelovend in der
alten, mit Stimmung gewürzten Weise feiern. Unsere
Bergmannsflaschen, die noch gerade zur rechten Zeit gekommen sind,
werden da nachhelfen, wo es noch etwas hapert. Doch Vorsicht ist
die Mutter der Porzellankiste! Jeder kenne Maß und Ziel, denn
allzuleicht wird es zuviel. Bei den heutigen Schmalspur-Rationen
muß man sich schon etwas in acht nehmen. Aber das soll auch anders
werden. Kraft meines Amtes verfüge ich mit sofortiger Wirkung die
Aufhebung sämtlicher Rationierungsgesetze für das Land
Jingerloh-Probstania. - Das hiesige Ernährungs- und Wirtschaftsamt
wird der Lynchjustiz übergeben. Der letzte Schrei, der
Speisekammer-Fragebogen auch 'Lügenbogen' genannt, wird noch
folgenden Zusatz erhalten: 'Nur für Normalverbraucher mit kurzer
Lebensdauer. Wer seine Angaben richtig und vollständig macht,
bekommt ein Staatsbegräbnis.'
Unser reizendes Land, umschlungen von Heubach und Tackekanal, soll
mit seiner Regierungsform maßgeblich für die Neugestaltung der
trizonesischen Ordnung sein. Ein würdiger Vertreter unseres Landes
wird bei der nächsten UNO-Vollversammlung zugegen sein und
Vorschläge in dieser Hinsicht unterbreiten."
Vielleicht sind die hier gesprochenen Worte für manchen jungen
Leser interessant, weil sie auf die besondere, nicht gerade rosige
Zeit nach dem Krieg hinweisen.
Dieser erste Karneval war ein urgemütliches Fest. Für Stimmung
sorgte nicht nur die Zweimannkapelle, sondern auch der
"Balkenbrand", den man sich auf schon beschriebene Weise besorgt
hatte. Jeder hatte seinen Proviant vorsichtig zur Kneipe
transportiert, und was anfangs noch geheimnisvoll hinter
vorgehaltener Hand genascht wurde, machte schon bald an den Tischen
die Runde. Es herrschte eine Bombenstimmung, und gar manchem ging
der Proviant zu früh zu Ende, so daß man sich um Nachschub
bemühte.
Nachdem die erste Karnevalsfeier einen so glanzvollen Verlauf
genommen hatte, war man sich einig, dieses Fest in Zukunft
beizubehalten. 1949 hatte der
Festausschuß Otto Alms, Ehemann von Mia Böckmann, zum Prinzen
auserkoren. Otto I., ein echter rheinischer Junge, brachte die
besten Voraussetzungen mit, und der zweite Karneval wurde wieder
ein voller Erfolg.
Durch diese schönen Feste, organisiert von einigen wenigen,
mitgetragen von der Gemeinschaft, kam es dann zur Bildung einer
Nachbarschaft nach dem Vorbild der Bauernnachbarschaft
"Ächterhook". Die so geborene neue Hooksgemeinschaft der Bewohner
der Torfwerkssiedlung nannte sich "Nachbarschaft Hochmoor". Die Satzung der
Bauernnachbarschaft wurde entsprechend den Verhältnissen der
Torfwerkssiedlung geändert. Diese neue Satzung trägt das Datum vom
1. März 1950 und die
Unterschriften des Vorstandes: Fritz Gutheim, Bernhard Fromm und
Karl Brumann. Als Älteste der Nachbarschaft unterschrieben: Hermann
Belker, Johann Okon, Albert Thiede sen. und Heinrich Böckmann.
Karneval 1950, als Horst Schneider als Prinz regierte, wurde der
Nachbarschaft eine Fahne verliehen, angefertigt von Fritz Gutheim,
die eine Vennetüte (großer Brachvogel) auf einem goldenen Schlüssel
zeigt. Anlaß und Sinn dieses Symbols verdeutlicht am besten die
Ansprache des Präsidenten (Fritz Gutheim) zur Proklamation des
Prinzen Horst I.:
"Mit dem Einzug, meine lieben Nachbarn, haben wir nun unseren
althergebrachten Fastelovend eröffnet. Ich begrüße alle
Festteilnehmer auf das herzlichste und wünsche recht vergnügte
Stunden.
Unser lieber Alterspräsident Jupp, der lange Jahre das Präsidium
unserer Hooksgemeinschaft mit soviel Umsicht und Hingabe geführt
hat, hat sich für ein Jahr beurlauben lassen. Man spricht sogar
davon, daß er Pensionsgedanken hegt. Wir gönnen ihm ja die Ruhe von
Herzen, möchten aber doch nicht auf seine Mitarbeit verzichten und
wünschen nur, daß er im nächsten Jahr wieder hier oben steht. Mein
lieber Jupp, für Deine langjährige Treue sagen wir Dir unseren
innigsten Dank und sei bald wieder Präsident.
So fällt mir nun die Aufgabe zu, unseren vom Volk gewählten
Prinzen zu proklamieren.
Mein lieber Horst, im Namen des Volkes ernenne ich Dich nun zum
Prinz Karneval von Tungerloh-Probstania! Horst der 1. vom echten
sächsischen Geblüt wird nun sein Zepter schwingen und unseres
Landes Oberhaupt sein. Ich glaube, wir haben keinen schlechten Fang
gemacht, denn wie bekannt, sind die Sachsen sehr gemitlich. Horst
I. ist auch nicht Ende April, also im Sternbild des Widders
geboren, wie ja meistens die 'Führer', sondern gerade um die
Karnevalszeit. Wir brauchen also keine Angst zu haben, daß das
"widderliche Zeitalter" wiederkehrt.
Bevor ich nun den Fahneneid sprechen lasse, will ich Euch noch kurz
die neue Landesflagge (sprich Hooksfahne) erklären: Durch die
umwälzenden Ereignisse in unserem Lande ist eine neue
Flagge erforderlich geworden -, denn wir haben schon
vorsichtshalber den Torf aus unserer alten Fahne als
Museumsstück sichergestellt. Da nun unser heimischer Vogel,
die Vennetüte, wie das Moor langsam verdrängt wird, haben wir uns
entschlossen, sie als Symbol in unserer Landesflagge weiterbestehen
zu lassen. So haben wir wenigstens alle noch unseren Vogel.
Und nun zum zweiten Zeichen - dem Schlüssel: In den letzten
Jahren hat unser Land soviel Zuwachs bekommen, daß es so ziemlich
sämtliche Nationen beherbergt. Wir haben Berliner, Hamburger,
Schlesier, Westfalen, Rheinländer, Bayern und Thüringer. Auch
sämtliche Stände und Richtungen sind vertreten wie Demokraten,
Plutokraten, Bürokraten und sonstige Kröten. Unternehmer,
Aufnehmer, Teilnehmer und Mitnehmer. Also Klein-Amerika oder der
Schlüssel zur Weltverständigung.
Hinter dieser Fahne, meine Lieben, könnt Ihr ruhig
marschieren, hier kann Euch nichts passieren.
Nun will ich unseren Prinzen nicht länger warten lassen, und
er soll mit seinem Eid gleichzeitig der neuen Fahne die Weihe
geben..."
In der gleichen Größe wie der Schlüssel in der Fahne fertigte
Paul Brumann einen hölzernen Schlüssel an, der den künftigen
Prinzen als Zeichen der Macht bei der Proklamation übergeben wurde.
Dieser Schlüssel hat die Zeiten überlebt und dient heute noch dem
gleichen Zweck.
Wie schon vom Präsidenten in seiner Ansprache erwähnt, hatte
sich in Hochmoor ein großer Wandel vollzogen. Nach
Kultivierungsarbeiten wurden an der Straße nach Gescher und der
heutigen Landsberg-, Kardinal-von-Galen-Straße und Moorstraße sechs
Doppelhäuser errichtet, die von Ostvertriebenen bezogen wurden. Es
war die erste größere Ansiedlung seit Bestehen der
Torfwerkssiedlung und ein bescheidener Beitrag zur Lösung des
Flüchtlingsproblems nach dem 2. Weltkrieg. Der Vorstand der jungen
Nachbarschaft Hochmoor hielt es für seine Pflicht, die neuen
Bewohner mit in die Hooksgemeinschaft aufzunehmen. Dies ging nicht
ganz ohne Widerstand, denn bei einigen Angehörigen der alten
Generation herrschte die Meinung, man könne sich allein helfen.
Aber der Vorstand setzte sich durch, und so kam es zur
Eingliederung der Neusiedler in die Nachbarschaft Hochmoor.
Karneval 1951, als Fritz
Fromm als Prinz regierte, wurde die feierliche Aufnahme vollzogen.
Vielleicht ist es für manchen interessant, den Inhalt dieser
"Einbürgerung", der uns noch im Wortlaut vorliegt, zu
erfahren:
"Vor dem Standesbeamten der Nachbarschaft Hochmoor sind heute
erschienen: Die Neusiedler einerseits und die Altkolonisten
andererseits, zum Zwecke der Einbürgerung Erstgenannter.
Als Zeugen sind anwesend: Prinz Karneval Friedrich II. und der
Ältestenrat.
Liebe Neusiedler, Ihr habt den Wunsch ausgesprochen, in die
Hooksgemeinschaft mit allen Rechten und Pflichten aufgenommen zu
werden. Ich frage Euch: Seid Ihr bereit, Freud und Leid mit den
Alteingesessenen zu teilen, in friedlicher Gemeinschaft mit den
Nachbarn zu leben und nach besten Kräften dem Wohle der
Allgemeinheit zu dienen? Ist dies Euer fester Vorsatz, so
antwortet: Ja.
Die Altkolonisten frage ich: Seid Ihr nach diesem Gelöbnis
bereit, die Neusiedler in die Hooksgemeinschaft aufzunehmen, so
antwortet: Ja.
Nachdem beide Parteien meine Frage mit 'ja' beantwortet haben,
seid Ihr, meine lieben Neusiedler, nach dem Gesetz rechtmäßige
Bürger der Nachbarschaft Hochmoor.
Dies geschehen am Rosenmontag 1951."
Nach diesem Akt wurden im Saal Bänke aneinander gestellt, auf
denen die so eingeführten Neusiedler im Reitersitz hintereinander,
die Hände auf die Schultern des Vordermanns gelegt, Platz nehmen
mußten. Mit dem Lied "Auf der schwäbischen Isenbahne" und begleitet
vom Schifferklavier ging es im Takt mit Vor- und
Rückwärtsbewegungen des Oberkörpers, mit diesem sogenannten
"Heideexpreß", im Geiste durch die schöne Gemeinde. Beim Pfiff des
Zugführers hielt der Zug an, die Begleitschaffner mit ihren
Schnapsflaschen, den "Schmierkannen", eilten am Zug entlang, um
schnell jedem einen Spritzer zu verabreichen. Dies wiederholte sich
so oft, bis schon die ersten "Entgleisungen" vorkamen. Dieser
Karneval war für alle ein unvergeßliches Fest, und besonders die
Neusiedler, die sich nun so richtig mit eingeschlossen fühlten,
sprachen noch lange davon.
Bei den so eingeführten Siedlern handelte es sich um die
Familien Scherle, Gerlich, Kraftmeier, Schulze, Berndt, Sindermann,
Frank, Krämer, Stobbe, Kafke, Jahnke und Gurski. Die Nachbarschaft
zählte nun ca. sechzig Familien. Die neue Gruppe war schon so mit
dem Hook verbunden, daß sie im folgenden Jahr (1952) mit Martin Frank den nächsten Prinzen
stellte.
Inzwischen gab es auch schon eine eigene Hookskapelle mit
Karl-Heinz Spychala als Akkordeonspieler und Bruno Klavon als
Schlagzeuger. Fleißig und mit Begeisterung übten die zwei und waren
schon bald so weit, daß sie bei Nachbarschaftsversammlungen nach
Erledigung der Tagesordnung zum Tanz und gemütlichen Beisammensein
aufspielen konnten. Sie wurden so perfekt, daß sie lange Jahre den
Hookskarneval mit ihrer Musik begleitet haben.
Karnevalstag für die Nachbarschaft Hochmoor war der
Rosenmontag. Er begann nachmittags mit Kaffeetrinken für die alte
Generation und die Frührentner, erstmals erwähnt 1953 unter Prinz Max I. (Scherr). Abends um 19
Uhr begann immer die Karnevalsfeier mit der Einführung des Prinzen,
zu dieser Zeit schon mit Zeremonienmeister, Fahnenträger und
Hooksfahne sowie Gruppen mit schönen und originellen Kostümen. Hier
ist besonders Hans Thiede zu nennen, der mit seinen ausgefallenen
Ideen bezüglich Kostümierung und Fortbewegungsmitteln die
Karnevalsteilnehmer zum Lachen bringen konnte. Fehlen durfte auch
nicht das schmucke Tanzmariechen, das in den ersten Jahren von
Irmgard Gutheim dargestellt wurde, mit selbst entworfenem und
geschneidertem Kostüm.
An den Karnevalstagen wurde beim Torfwerk nicht gearbeitet. So
war nach dem offiziellen Hooksfest am Rosenmontag noch der "tolle
Dienstag" zum ausgiebigen Nachfeiern zur Verfügung. Früh waren
schon die besonders Aktiven auf den Beinen und zogen, bewaffnet mit
einer Leiter, zum Haus des Präsidenten, um diesen aus dem Bett zu
holen. Auf der Leiter liegend transportierte man ihn - und war er
auch noch im Schlafanzug - zu Lütkenhaus. Falls sich nicht
inzwischen der Prinz dort eingefunden hatte, ereilte ihn das
gleiche Schicksal. War die Truppe beisammen, zog man durch die
Gemeinde, kehrte ein bei den Familien, in denen auch Narren
gelitten waren, und so mancher harmlose Karnevalsstreich kam hier
zu seiner Vollendung.
Gegen Mittag, wenn so ziemlich alles auf den Beinen war, zog
man zum Bunker am Ende der Klasmannstraße. Es war Brauch geworden,
an dieser Stelle, auf der Plattform des aus dem Kriege stammenden
Luftschutzbunkers, Bacchus, den Gott des Weines, dem Karneval zu
opfern, indem man ihn den Flammen übergab. Damit auch jeder eine
richtige "Schnapsträne weinen" konnte, ließ man dabei die Flasche
kreisen. Der Bacchus, eine mit abgelegten Kleidungsstücken
angezogene Strohpuppe, war mit viel Hingabe in den Tagen vor
Karneval von den Gebrüdern Bernhard, Hermann und Fritz Fromm
angefertigt worden. Dabei diente das Maschinenhaus des Torfwerks,
in dem Fritz Fromm tätig war, als Werkstatt. Hier hatte man Platz,
es war dort schön warm, und man wurde nicht gestört. Bei dieser
Arbeit durfte auch das nötige Tröpfchen nicht fehlen, das
schließlich auch zum Gelingen beitragen mußte. War das Werk
vollbracht, wurde der Bacchus bis zum tollen Dienstag hinter der
großen marmornen Schalttafel im Maschinenhaus verstaut. Von diesen
abendlichen Bastelstunden ist so manche Anekdote zu
berichten.
Nachdem Paul Stryszyk 1954 als
Prinz fungierte, konnte in den Jahren 1955 und 1956 kein offizieller Karneval gefeiert
werden, weil der Saal bei Lütkenhaus mit Flüchtlingen aus den
deutschen Ostgebieten belegt war. Nach dieser Pause von zwei Jahren
übernahm Fritz Gutheim, nicht zuletzt auch zum zehnjährigen
Jubiläum, nochmals die Regentschaft als Prinz Karneval, diesmal
begleitet von Ehefrau Irmgard als Prinzessin. August Kerkfeld, der
inzwischen vom Bauernhook zur Nachbarschaft Hochmoor übergewechselt
war, führte als Präsident des Festausschusses das erste Prinzenpaar
ein. Fortan ist es Tradition, daß zu Karneval ein Prinzenpaar
proklamiert wird, ausgenommen in den Jahren 1960 und 1961, als man aus Sorge um einen vollen Saal
einen öffentlichen Karneval veranstaltete. Danach wurde wieder
jedes Jahr Hookskarneval gefeiert, 1962 mit Kurt und Gertrud Bücker als
Prinzenpaar.
1962 erfuhr die Nachbarschaft einen Zuwachs durch das
inzwischen bebaute Gebiet zwischen Klasmannsiedlung (alte Kolonie)
und den Siedlerhäusern am Blumengarten (jetzige
Kardinal-von-Galen-Straße), dem Viertel Bernhard-Wiesch-Straße.
Achtzehn Familien waren hier eingezogen, die Karneval in gleicher
Weise wie seinerzeit die ersten Neusiedler feierlich aufgenommen
wurden.
Das Hooksfest 1963 mit dem
Prinzenpaar Egon und Anita Lesch hatte schon eine besondere Note.
Neben dem Tanzmariechen, das diesmal von Gertrud Bücker verkörpert
wurde, gab es schon eine Polizeigarde mit
dem Gardeoffizier, dargestellt von Irmgard Gutheim. Der
Polizeigarde gehörten an: Maria Jackisch, Herta Klavon, Helga
Hamburger, Anni Scholz, Grete Franke und Irmchen Fromm. Mit ihren
prachtvollen Uniformen, die von den Frauen in wochenlanger
mühevoller Arbeit hergestellt worden waren, gaben sie ein buntes
Bild im Karneval ab.
Auch die Männer standen nicht nach, man ergänzte die Runde mit
dem Elferrat: Kurt Bücker,
Jochen Franke, Hermann Hamburger, Herbert Jackisch, Otto Klavon,
Robert Kolve, Hans Scholz, Paul Stryszyk, Heinrich Tenkamp, Rudi
Wegner und Willi Wietheger. Karl-Heinz Stryszyk war Fahnenträger,
Fritz Gutheim Präsident. Auch sie waren eine schmucke Truppe mit
den eigens angeschafften Elferratskappen, in dunklen Anzügen mit
bunten Fliegen.
Im folgenden Jahr schon wurde aus der Polizeigarde die
Prinzengarde, und diese Zusammensetzung mit Elferrat, Fahnenträger
und Präsident wurde bis zum heutigen Tag beibehalten.
Nachdem schon am 1. April 1955 eine erste Satzungsänderung
vorgenommen worden war, mußte 1963 eine grundlegende Änderung erfolgen. Die
Nachbarschaft mußte sich abgrenzen, weil zwischen Gänsegraben und
Nord-Süd-Straße ein größeres Baugebiet entstand. Um die
Nachbarschaft Hochmoor nicht zu groß werden zu lassen, konnten die
hier ansässig werdenden Siedler nicht aufgenommen werden. Man
einigte sich auf folgende Grenzen:
Im Norden die Südseite des Gänsegrabens, im Osten die
Westseite der Gescherer Straße, im Süden die Nordseite des
Pionierweges, im Westen Fichten- und Lagerweg.
Eine Ausnahme machte man für die Bewohner der Optantenhäuser.
Weil diese Häuser abgerissen werden sollten und die Bewohner ja
nicht freiwillig fortzogen, konnten sie weiterhin im Hook bleiben.
Dies galt auch für die Familie Bernhard Böckmann, die bereits an
der Pappelallee außerhalb der neuen Hooksgrenzen gebaut
hatte.
Mit der neuen Satzung erhielt die Nachbarschaft auch einen
neuen Namen. Da sie als Hookssymbol die Vennetüte (großer
Brachvogel) fährt, nennt sie sich fortan
VENNETÜTENHOOK
zur Unterscheidung von anderen, in der Zukunft folgenden
Hooksgemeinschaften.
An dieser Stelle sollte erwähnt werden, daß seit der Abgrenzung der
nun schon 50 Jahre alten Nachbarschaft und als Folge der weiteren
Entwicklung von Hochmoor noch weitere
13 ( Stand: 03.1999 ) Nachbarschaften entstanden sind. Der
Vennetütenhook ist bisher der einzige Hook, der in jedem Jahr mit
einem neuen Prinzen aufwartet.
Die erste Hooksfahne mit der einsamen Vennetüte auf dem Schlüssel
mußte wegen "Altersschwäche" vor einigen Jahren aus dem Verkehr
gezogen werden, da sie sonst nicht überlebt hätte. Unter der
künstlerischen Regie von Benno Hanke und dank der geschickten Hände
von Margret Vögeding ist eine neue Fahne entstanden. Sie zeigt nach
dem Vorbild der Fahne des Schützenvereins den großen Brachvogel,
schützend über seinen vier Küken, umrahmt von dem Spruch:
" Gemeinsamkeit in Freud und Leid ".
Die Rückseite schmückt in gekreuzter Stellung die Wiedergabe
der Torfstechgeräte, wie sie zur Abtorfung des Moores verwendet
wurden.
Es bleibt der Wunsch, daß die Nachbarschaft noch lange unter der
Fahne mit dem wohlgemeinten Spruch bestehen möge.
Ab dem Jahre
1983 erhielt
jeder neue Karnevalsprinz zur Proklamation einen Orden. Dieser
wurde von Hermann Tastowe in Blei von Hand gegossen. Jeder Orden
ist ein Unikat. Auf der Vorderseite ist das Hooksemblem zu sehen.
Auf der Rückseite der Name des Prinzenpaares nebst Jahreszahl.
Jeder Prinz muß den Orden auf künftigen Karnevalsfeiern tragen.
Im Jahre 1991 fiel das
traditionelle Karnevalsfest aus. Neben vielen Unruhen auf
unserem Globus rückte ein Geschehen recht nah an uns heran. Und so
fing es an:
Nach Auseinandersetzungen über die Erdölförderung marschierten
irakische Truppen unter Führung des Diktators Saddam Hussein im
August 1990 in Kuwait ein, besetzten in kurzer Zeit das gesamte
Land und erklärten es zur 19. Provinz des Irak. Eine Reihe von
Resolutionen des UN-Sicherheitsrates zur Verurteilung dieser
Invasion gipfelten in einem Ultimatum, das den bedingungslosen
Rückzug der irakischen Truppen aus Kuwait bis zum 15. Januar
1991 forderte. Da der Irak dieser Forderung nicht nachkam, startete
eine Koalition unter Führung der Vereinigten Staaten eine heftige
militärische Aktion gegen militärische und zivile Ziele im Irak und
in Kuwait. Im sich daraus entwickelnden
Golfkrieg erlitt der Irak eine schwere
Niederlage und zog sich im Februar 1991 aus Kuwait zurück.
Keinem Nachbarn stand der Sinn nach Karneval. Man traf sich
zum gemeinsamen Kaffeetrinken. Musik und Tanz fielen diesmal aus.
Im Jahre
1996 übernahm
Herbert Thiede offiziell das Amt des Karnevalspräsidenten von
Hermann Tastowe, nachdem er Tastowe in den Vorjahren
karnevalistisch unterstützt hatte. Einen besseren Lehrmeister
konnte sich Thiede nicht wünschen, denn Hermann Tastowe setzte in
diesem Bereich Maßstäbe.
Am 08.08.1998 feierte die
Nachbarschaft ihr
50-jähriges
Bestehen. Dieses Jubiläum wurde als öffentliches
Ereignis in Form einer Beachparty gefeiert. Alles war auf den
Beinen. Auf dem öffentlichen Parkplatz im Ort entstand neben dem
Festzelt eine Poollandschaft mit 80 Tonnen Sand und 10.000 Litern
Wasser. Eine Polkabühne im Freien diente als Tanzfläche. Neben
Faßbier gab es Sangria aus Eimern. Bei sehr warmen und sommerlichen
Wetter war dieses Fest
der Höhepunkt im Kalenderjahr. Dank
vieler freiwilliger Helfer, insbesondere dem Elferrat und der
Prinzengarde sowie der Initiative der Organisatoren Antonius
Lütkebohmert, Josef Vogt und Herbert Thiede, war das
Jubiläumshooksfest ein voller Erfolg.
Auf der Generalversammlung im November 1998 stellte Bernhard
Voßkühler sein Amt als 1. Vorsitzender zur Verfügung. Nachfolger
wurde Antonius Lütkebohmert, der bereits im Hooksvorstand als 2.
Vorsitzender seit Jahren tätig war. Bernhard Voßkühler wurde für
seine langjährige Tätigkeit zum Ehrenpräsidenten ernannt und
übernimmt künftig beratende Tätigkeiten im Vorstand.
Im März 1999 ging die
Nachbarschaft mit einer Homepage in´s
Internet. Karnevalspräsident Herbert Thiede stellte die
Seiten zusammen. Die Seite wurde mit folgendem
Namen offiziell registriert:
www.vennetueten.de
Unerwartet groß war das Echo auf diesen Internetauftritt. So
schrieb uns ein verzogener Nachbar per Email, daß er erst jetzt im
Internet gewahr wurde, daß sein Großvater der 1. Hookspräsident
war.
Am 19.11.
2001 trafen sich
11 Nachbarschaftsfrauen ( Angelika Gertz, Andrea Heimradt, Brigitte
Kloster, Marlies Lütjan, Iris Lütkebohmert, Rita Röhling, Rita
Sindermann, Jutta Tenkamp, Renate Tenkamp, Rita Thiede, Marietta
Vogt ) und 2 Nachbarschaftsmänner ( Antonius Lütkebohmert, Herbert
Thiede ) um zu besprechen, wie man ein neues Liederheft, welches
zum Singen beim Kränzen eingesetzt wird, gestalten kann. Aus
diversen Vorlagen wurden neue Liedertexte zusammengestellt. Die
Texte wurden von einigen Frauen geschrieben und anschließend von
Herbert Thiede zu einem ansehnlichen Liederheft zusammengestellt.
Da die Beteiligung am Karnevalsfest in den letzten Jahren
stetig abnahm, wurde erstmals im Jahre
2003 zusammen mit der Nachbarschaft
Bürgerhook gefeiert. Hier war die Begeisterung groß und bereits im
Folgejahr
2004 war der Saal in
der Gaststätte "Zum Weißen Venn" sehr gut gefüllt.
Auf der Generalversammlung
2005 wurden die ehemaligen
Vorstandsmitglieder Hermann Tastowe und Werner Berger als
Mitglieder in den Ehrenvorstand aufgenommen.
Trotz der Zusammenlegung mit dem Bürgerhook ließ die
Beteiligung am Karnevalsfest von Jahr zu Jahr immer weiter
nach. Auch wurde es immer schwieriger, ein Prinzenpaar für das
Fest zu gewinnen.
Im Jahre
2008 war es dann
soweit: Letztmalig zogen Elferrat, Prinzengarde und Prinzenpaar (in
Form eines 3-Gestirns) zur Abendfeier in den Saal ein. Die
Beteiligung beider Nachbarschaften war schlecht. Kosten und Aufwand
standen nicht mehr in einem "gesunden" Verhältnis zu der Anzahl der
teilnehmenden Nachbarn. Als letztes Highlight führte ein 3-Gestirn
die Prinzengarde nebst Elferrat an (Prinz: Ralf Lütkebohmert,
Jungfrau: Reinhold Gertz, Bauer: Norbert Tenkamp).
Am
17.05.2008 wurde das Jubiläum
"60 Jahre Vennetütenhook" in Form eines Sommerfestes auf der "Spinne" (Bernhard-Wiesch-Str.) gefeiert. Bei regnerischem Wetter trafen sich Jung & Alt im Festzelt. Kaffee & Kuchen gab es kostenlos und alle Getränke gingen zum Jubiläumspreis von 60 Eurocent über die Theke.
Seit Bestehen der Nachbarschaft waren folgende Vorsitzende
sowie (Karnevals-)Präsidenten im Amt:
Josef Lammering - Präsident
Fritz Gutheim - Präsident
Bernhard Fromm - Präsident
Helmut Krämer - Vorsitzender
Hans Thiede - Vorsitzender
August Kerkfeld - Vorsitzender
Hugo Sicking - Präsident
Rudi Reese - Präsident
Hermann Tastowe - Präsident
Fritz Gutheim - Vorsitzender
Bernhard Voßkühler - Vorsitzender
Herbert Thiede - Präsident
Antonius Lütkebohmert - Vorsitzender
Reinhold Gertz - aktuell 1. Vorsitzender