So hat es begonnen

Der zweite Weltkrieg ist beendet. Ängste und Schrecken dieser schlimmen Zeit sind überstanden. Auch die kleine Gemeinschaft der Torfwerkssiedlung hat den Krieg durchstehen müssen, und auch hier hat es Opfer gekostet. Vierzehn Soldaten der Werkssiedlung kehren nicht zurück. Sie fielen an den Fronten, an die der Krieg sie verschlagen hatte. Trauer herrscht bei den betroffenen Familien, die ihren Ernährer, Sohn oder Bruder nicht wiedersehen werden.

Freude jedoch kehrt ein bei den Familien, deren Angehörige Krieg oder Gefangenschaft überstanden haben und nach und nach heimkehren. Das Leben normalisiert sich wieder, denn zum Glück ist Hochmoor von größeren Zerstörungen verschont geblieben. Zwar herrscht Mangel in allen Bereichen des Lebens, aber man hat Wohnung und rückt enger zusammen, wo es notwendig wird. Durch den Abzug der Kriegsgefangenen, die beim Torfwerk eingesetzt waren, ist hier Bedarf an Arbeitskräften, so daß jeder Heimkehrer seinen Arbeitsplatz wieder einnehmen kann. Die Nachfrage nach Torfprodukten ist groß, da auch sie bei der Beseitigung der Kriegsschäden notwendig sind. Ein besonders begehrter Artikel ist der Brenntorf, wovon auch der Torfarbeiter profitiert, denn das Torfwerk stellt den Arbeitern wegen des geringen Geldwertes die Naturalie Brenntorf als Teil des Lohnes zur Verfügung. Im Tauschhandel wird hiermit das Notwendige für den Lebensunterhalt beschafft. Dazu kamen noch die Zuwendungen aus dem Bergbau, mit dem die Torfindustrie gleichgestellt war. Ein besonders begehrter Artikel war der "Bergmannsschnaps", wie man diese alkoholische Zuteilung nannte, weil sie sich gut zum "Kompensieren" eignete, um an Lebensmittel oder die so knappen Textilien zu gelangen.

Der Tauschhandel blühte, und durch den Bergmannsschnaps auf den Geschmack gekommen, fanden schon bald einige "Tüftler" den richtigen Dreh, wie man im "Eigenbau" zu einem solchen Tropfen kommen konnte. Schornsteine rauchten zu ungewohnten Zeiten, und ein seltsamer Duft zog durch die Siedlung. Der "Balkenbrand" war erfunden und nahm einen guten Platz neben dem Bergmannsschnaps ein, denn es gab schon bald Spezialisten in diesem neuen "Gewerbe". Nach der langen Zeit der Entbehrungen war der Selbstgebrannte eine willkommene Bereicherung, zumal in der einzigen Gaststätte bei Franz Lütkenhaus nur Dünnbier zum Ausschank kam. Man kam wieder in Stimmung und fand Freude am Leben. So entstand auch der allgemeine Wunsch nach einem gemeinsamen Fest.

Die Torfwerkssiedlung, bestehend aus der alten Kolonie mit vierzehn Häusern - der späteren Klasmannstraße -, den fünf Optantenhäusern mit zehn Familien - dort wo sich heute die Stephanusstraße befindet -, dem Vennhaus mit dreizehn Familien - an der Stelle der Stephanuskirche - und einigen Einzelhäusern am Torfwerk, umfaßte 45 Familien. Wir schreiben das Jahr 1948. Einige "Beherzte" fanden sich zusammen und schmiedeten an einem Programm für ein gemeinsames Fest. Die Karnevalstage standen bevor. In Köln und dem übrigen Rheinland war schon im Vorjahr Karneval gefeiert worden. Man sang den Schlager: "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien", eine Parodie auf die drei Zonen der westlichen Siegermächte. Die Tatsache, daß wieder Karneval gefeiert wurde, sollte dann auch für die Angehörigen der Torfwerkssiedlung ein Anlaß sein, das erste gemeinsame Fest nach dem Kriege mit einem Karneval zu begehen. Man war sich aber auch einig: das Fest mußte einen Mittelpunkt haben, um den sich alles drehte.

Die "Beherzten" waren Bernd und Fritz Fromm, Jupp Lammering und Fritz Gutheim. Im Schneiderstübchen von Franz Lütkenhaus fanden die ersten Zusammenkünfte statt. Es wurde eifrig gesponnen und diskutiert, dabei aber auch probiert, was die Spezialisten an "Balkenbrand" zustande gebracht hatten. Es waren anstrengende, feuchtfröhliche Abende, aber es kam etwas dabei heraus. Man kürte den ersten Prinzen - es war Fritz Gutheim. In der noch verbleibenden Zeit bis Karneval herrschte nun reges Treiben in der Siedlung. Auf dem üblichen Kompensationsweg besorgte man sich Roggen. Geschrotet wurde dieser einem Fachmann für den begehrten Tropfen übergeben. Dabei wurde genau festgehalten, welche Mengen die einzelnen Haushalte abgegeben hatten, um danach die Zuteilung des Endproduktes bemessen zu können. Wenige Tage später huschten dann abends dunkle Schatten von Haus zu Haus, und es wurde ausgeteilt das köstliche Naß aus erster Hand. Derweil saßen die Frauen daheim und bastelten und nähten an Kostümen aus dem Wenigen, was man zur Verfügung hatte. Männer, die nicht mit der Beschaffung der geistigen Getränke zu tun hatten, bauten an originellen

Fahrzeugen und Geräten, schufen Verse und Lieder, um dem Fest den richtigen karnevalistischen Rahmen zu geben. Alles war auf den Beinen, jeder trug sein Scherflein bei. Als dann das Fest begann und unter den Klängen einer Zweimannkapelle aus Gescher der Prinz einzog, war der Saal bei Lütkenhaus bis auf den letzten Platz besetzt. Präsident Jupp Lammering proklamierte Fritz Gutheim zum ersten Prinz Karneval von Hochmoor. Vielleicht interessiert es den Leser, wie sich der erste Prinz, der vor nunmehr 40 Jahren proklamiert wurde, seinem Narrenvolk vorgestellt hat. Hier der Wortlaut seiner Rede:

"Mein geliebtes drolliges Narrenvolk!

Nachdem ich soeben vom Präsidenten Jupp zum durchleuchteten Prinz Karneval von Jingerloh-Probstania ausgerufen worden bin, will ich auch nicht länger zögern und das Ruder des Karnevalsschiffes, das durch die langen Kriegsjahre schon etwas morsch geworden ist, in die Hand nehmen. Blast mit mir in Windstärke 8, und mit vollen Segeln geht's hinein ins Vergnügen.

Wir wollen unseren schönen Fastelovend, den unsere Väter und Mütter schon mit Begeisterung und Ausdauer gefeiert haben, so richtig mit unserem urwüchsigen Humor, der ja uns allen angeboren ist, begehen.

Jawohl, wir haben Humor! Wir können sogar das Recht für uns in Anspruch nehmen, daß der Humor bei uns zuhause ist. Tatsächlich steht die Wiege des Humors hier bei uns in Jingerloh-Probstania und nicht am Rhein, wie die Rheinländer behaupten. Als nämlich vor vielen Jahren der erste Mensch, sozusagen unser Urmensch, in der Gegend von Peirick seinen ersten Schritt in unser Land machte und gleich bis zum Kragenknopf (den er noch gar nicht kannte) versank, da rief er voll Begeisterung: 'Hu Moor'.- Seht Ihr, so wurde der Humor geboren. Erst von hier zog er aus nach Rhein und Ruhr - und kam nicht wieder.

Da wir nun heute wieder bis zum Halse drin stecken, soll uns der alte Humor wieder geboren werden, und auch wir alle halten uns an das Leitwort: Wenn uns auch manches Kummer macht, Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Unter diesem Motto wollen wir auch unseren Fastelovend in der alten, mit Stimmung gewürzten Weise feiern. Unsere Bergmannsflaschen, die noch gerade zur rechten Zeit gekommen sind, werden da nachhelfen, wo es noch etwas hapert. Doch Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste! Jeder kenne Maß und Ziel, denn allzuleicht wird es zuviel. Bei den heutigen Schmalspur-Rationen muß man sich schon etwas in acht nehmen. Aber das soll auch anders werden. Kraft meines Amtes verfüge ich mit sofortiger Wirkung die Aufhebung sämtlicher Rationierungsgesetze für das Land Jingerloh-Probstania. - Das hiesige Ernährungs- und Wirtschaftsamt wird der Lynchjustiz übergeben. Der letzte Schrei, der Speisekammer-Fragebogen auch 'Lügenbogen' genannt, wird noch folgenden Zusatz erhalten: 'Nur für Normalverbraucher mit kurzer Lebensdauer. Wer seine Angaben richtig und vollständig macht, bekommt ein Staatsbegräbnis.'

Unser reizendes Land, umschlungen von Heubach und Tackekanal, soll mit seiner Regierungsform maßgeblich für die Neugestaltung der trizonesischen Ordnung sein. Ein würdiger Vertreter unseres Landes wird bei der nächsten UNO-Vollversammlung zugegen sein und Vorschläge in dieser Hinsicht unterbreiten."

Vielleicht sind die hier gesprochenen Worte für manchen jungen Leser interessant, weil sie auf die besondere, nicht gerade rosige Zeit nach dem Krieg hinweisen.

Dieser erste Karneval war ein urgemütliches Fest. Für Stimmung sorgte nicht nur die Zweimannkapelle, sondern auch der "Balkenbrand", den man sich auf schon beschriebene Weise besorgt hatte. Jeder hatte seinen Proviant vorsichtig zur Kneipe transportiert, und was anfangs noch geheimnisvoll hinter vorgehaltener Hand genascht wurde, machte schon bald an den Tischen die Runde. Es herrschte eine Bombenstimmung, und gar manchem ging der Proviant zu früh zu Ende, so daß man sich um Nachschub bemühte.

Nachdem die erste Karnevalsfeier einen so glanzvollen Verlauf genommen hatte, war man sich einig, dieses Fest in Zukunft beizubehalten. 1949 hatte der Festausschuß Otto Alms, Ehemann von Mia Böckmann, zum Prinzen auserkoren. Otto I., ein echter rheinischer Junge, brachte die besten Voraussetzungen mit, und der zweite Karneval wurde wieder ein voller Erfolg.

Durch diese schönen Feste, organisiert von einigen wenigen, mitgetragen von der Gemeinschaft, kam es dann zur Bildung einer Nachbarschaft nach dem Vorbild der Bauernnachbarschaft "Ächterhook". Die so geborene neue Hooksgemeinschaft der Bewohner der Torfwerkssiedlung nannte sich "Nachbarschaft Hochmoor". Die Satzung der Bauernnachbarschaft wurde entsprechend den Verhältnissen der Torfwerkssiedlung geändert. Diese neue Satzung trägt das Datum vom 1. März 1950 und die Unterschriften des Vorstandes: Fritz Gutheim, Bernhard Fromm und Karl Brumann. Als Älteste der Nachbarschaft unterschrieben: Hermann Belker, Johann Okon, Albert Thiede sen. und Heinrich Böckmann.

Karneval 1950, als Horst Schneider als Prinz regierte, wurde der Nachbarschaft eine Fahne verliehen, angefertigt von Fritz Gutheim, die eine Vennetüte (großer Brachvogel) auf einem goldenen Schlüssel zeigt. Anlaß und Sinn dieses Symbols verdeutlicht am besten die Ansprache des Präsidenten (Fritz Gutheim) zur Proklamation des Prinzen Horst I.:

"Mit dem Einzug, meine lieben Nachbarn, haben wir nun unseren althergebrachten Fastelovend eröffnet. Ich begrüße alle Festteilnehmer auf das herzlichste und wünsche recht vergnügte Stunden.

Unser lieber Alterspräsident Jupp, der lange Jahre das Präsidium unserer Hooksgemeinschaft mit soviel Umsicht und Hingabe geführt hat, hat sich für ein Jahr beurlauben lassen. Man spricht sogar davon, daß er Pensionsgedanken hegt. Wir gönnen ihm ja die Ruhe von Herzen, möchten aber doch nicht auf seine Mitarbeit verzichten und wünschen nur, daß er im nächsten Jahr wieder hier oben steht. Mein lieber Jupp, für Deine langjährige Treue sagen wir Dir unseren innigsten Dank und sei bald wieder Präsident.

So fällt mir nun die Aufgabe zu, unseren vom Volk gewählten Prinzen zu proklamieren.

Mein lieber Horst, im Namen des Volkes ernenne ich Dich nun zum Prinz Karneval von Tungerloh-Probstania! Horst der 1. vom echten sächsischen Geblüt wird nun sein Zepter schwingen und unseres Landes Oberhaupt sein. Ich glaube, wir haben keinen schlechten Fang gemacht, denn wie bekannt, sind die Sachsen sehr gemitlich. Horst I. ist auch nicht Ende April, also im Sternbild des Widders geboren, wie ja meistens die 'Führer', sondern gerade um die Karnevalszeit. Wir brauchen also keine Angst zu haben, daß das "widderliche Zeitalter" wiederkehrt.

Bevor ich nun den Fahneneid sprechen lasse, will ich Euch noch kurz die neue Landesflagge (sprich Hooksfahne) erklären: Durch die umwälzenden Ereignisse in unserem Lande ist eine neue Flagge erforderlich geworden  -, denn wir haben schon vorsichtshalber den Torf aus unserer alten Fahne als Museumsstück sichergestellt. Da nun unser heimischer Vogel, die Vennetüte, wie das Moor langsam verdrängt wird, haben wir uns entschlossen, sie als Symbol in unserer Landesflagge weiterbestehen zu lassen. So haben wir wenigstens alle noch unseren Vogel.
Und nun zum zweiten Zeichen - dem Schlüssel: In den letzten Jahren hat unser Land soviel Zuwachs bekommen, daß es so ziemlich sämtliche Nationen beherbergt. Wir haben Berliner, Hamburger, Schlesier, Westfalen, Rheinländer, Bayern und Thüringer. Auch sämtliche Stände und Richtungen sind vertreten wie Demokraten, Plutokraten, Bürokraten und sonstige Kröten. Unternehmer, Aufnehmer, Teilnehmer und Mitnehmer. Also Klein-Amerika oder der Schlüssel zur Weltverständigung.
Hinter dieser Fahne, meine Lieben, könnt Ihr ruhig marschieren, hier kann Euch nichts passieren.
Nun will ich unseren Prinzen nicht länger warten lassen, und er soll mit seinem Eid gleichzeitig der neuen Fahne die Weihe geben..."
 
 
In der gleichen Größe wie der Schlüssel in der Fahne fertigte Paul Brumann einen hölzernen Schlüssel an, der den künftigen Prinzen als Zeichen der Macht bei der Proklamation übergeben wurde. Dieser Schlüssel hat die Zeiten überlebt und dient heute noch dem gleichen Zweck.
Wie schon vom Präsidenten in seiner Ansprache erwähnt, hatte sich in Hochmoor ein großer Wandel vollzogen. Nach Kultivierungsarbeiten wurden an der Straße nach Gescher und der heutigen Landsberg-, Kardinal-von-Galen-Straße und Moorstraße sechs Doppelhäuser errichtet, die von Ostvertriebenen bezogen wurden. Es war die erste größere Ansiedlung seit Bestehen der Torfwerkssiedlung und ein bescheidener Beitrag zur Lösung des Flüchtlingsproblems nach dem 2. Weltkrieg. Der Vorstand der jungen Nachbarschaft Hochmoor hielt es für seine Pflicht, die neuen Bewohner mit in die Hooksgemeinschaft aufzunehmen. Dies ging nicht ganz ohne Widerstand, denn bei einigen Angehörigen der alten Generation herrschte die Meinung, man könne sich allein helfen. Aber der Vorstand setzte sich durch, und so kam es zur Eingliederung der Neusiedler in die Nachbarschaft Hochmoor.
Karneval 1951, als Fritz Fromm als Prinz regierte, wurde die feierliche Aufnahme vollzogen. Vielleicht ist es für manchen interessant, den Inhalt dieser "Einbürgerung", der uns noch im Wortlaut vorliegt, zu erfahren:
"Vor dem Standesbeamten der Nachbarschaft Hochmoor sind heute erschienen: Die Neusiedler einerseits und die Altkolonisten andererseits, zum Zwecke der Einbürgerung Erstgenannter.
Als Zeugen sind anwesend: Prinz Karneval Friedrich II. und der Ältestenrat.
Liebe Neusiedler, Ihr habt den Wunsch ausgesprochen, in die Hooksgemeinschaft mit allen Rechten und Pflichten aufgenommen zu werden. Ich frage Euch: Seid Ihr bereit, Freud und Leid mit den Alteingesessenen zu teilen, in friedlicher Gemeinschaft mit den Nachbarn zu leben und nach besten Kräften dem Wohle der Allgemeinheit zu dienen? Ist dies Euer fester Vorsatz, so antwortet: Ja.
Die Altkolonisten frage ich: Seid Ihr nach diesem Gelöbnis bereit, die Neusiedler in die Hooksgemeinschaft aufzunehmen, so antwortet: Ja.
Nachdem beide Parteien meine Frage mit 'ja' beantwortet haben, seid Ihr, meine lieben Neusiedler, nach dem Gesetz rechtmäßige Bürger der Nachbarschaft Hochmoor.
Dies geschehen am Rosenmontag 1951."
 
Nach diesem Akt wurden im Saal Bänke aneinander gestellt, auf denen die so eingeführten Neusiedler im Reitersitz hintereinander, die Hände auf die Schultern des Vordermanns gelegt, Platz nehmen mußten. Mit dem Lied "Auf der schwäbischen Isenbahne" und begleitet vom Schifferklavier ging es im Takt mit Vor- und Rückwärtsbewegungen des Oberkörpers, mit diesem sogenannten "Heideexpreß", im Geiste durch die schöne Gemeinde. Beim Pfiff des Zugführers hielt der Zug an, die Begleitschaffner mit ihren Schnapsflaschen, den "Schmierkannen", eilten am Zug entlang, um schnell jedem einen Spritzer zu verabreichen. Dies wiederholte sich so oft, bis schon die ersten "Entgleisungen" vorkamen. Dieser Karneval war für alle ein unvergeßliches Fest, und besonders die Neusiedler, die sich nun so richtig mit eingeschlossen fühlten, sprachen noch lange davon.
Bei den so eingeführten Siedlern handelte es sich um die Familien Scherle, Gerlich, Kraftmeier, Schulze, Berndt, Sindermann, Frank, Krämer, Stobbe, Kafke, Jahnke und Gurski. Die Nachbarschaft zählte nun ca. sechzig Familien. Die neue Gruppe war schon so mit dem Hook verbunden, daß sie im folgenden Jahr (1952) mit Martin Frank den nächsten Prinzen stellte.
Inzwischen gab es auch schon eine eigene Hookskapelle mit Karl-Heinz Spychala als Akkordeonspieler und Bruno Klavon als Schlagzeuger. Fleißig und mit Begeisterung übten die zwei und waren schon bald so weit, daß sie bei Nachbarschaftsversammlungen nach Erledigung der Tagesordnung zum Tanz und gemütlichen Beisammensein aufspielen konnten. Sie wurden so perfekt, daß sie lange Jahre den Hookskarneval mit ihrer Musik begleitet haben.
Karnevalstag für die Nachbarschaft Hochmoor war der Rosenmontag. Er begann nachmittags mit Kaffeetrinken für die alte Generation und die Frührentner, erstmals erwähnt 1953 unter Prinz Max I. (Scherr). Abends um 19 Uhr begann immer die Karnevalsfeier mit der Einführung des Prinzen, zu dieser Zeit schon mit Zeremonienmeister, Fahnenträger und Hooksfahne sowie Gruppen mit schönen und originellen Kostümen. Hier ist besonders Hans Thiede zu nennen, der mit seinen ausgefallenen Ideen bezüglich Kostümierung und Fortbewegungsmitteln die Karnevalsteilnehmer zum Lachen bringen konnte. Fehlen durfte auch nicht das schmucke Tanzmariechen, das in den ersten Jahren von Irmgard Gutheim dargestellt wurde, mit selbst entworfenem und geschneidertem Kostüm.
An den Karnevalstagen wurde beim Torfwerk nicht gearbeitet. So war nach dem offiziellen Hooksfest am Rosenmontag noch der "tolle Dienstag" zum ausgiebigen Nachfeiern zur Verfügung. Früh waren schon die besonders Aktiven auf den Beinen und zogen, bewaffnet mit einer Leiter, zum Haus des Präsidenten, um diesen aus dem Bett zu holen. Auf der Leiter liegend transportierte man ihn - und war er auch noch im Schlafanzug - zu Lütkenhaus. Falls sich nicht inzwischen der Prinz dort eingefunden hatte, ereilte ihn das gleiche Schicksal. War die Truppe beisammen, zog man durch die Gemeinde, kehrte ein bei den Familien, in denen auch Narren gelitten waren, und so mancher harmlose Karnevalsstreich kam hier zu seiner Vollendung.
Gegen Mittag, wenn so ziemlich alles auf den Beinen war, zog man zum Bunker am Ende der Klasmannstraße. Es war Brauch geworden, an dieser Stelle, auf der Plattform des aus dem Kriege stammenden Luftschutzbunkers, Bacchus, den Gott des Weines, dem Karneval zu opfern, indem man ihn den Flammen übergab. Damit auch jeder eine richtige "Schnapsträne weinen" konnte, ließ man dabei die Flasche kreisen. Der Bacchus, eine mit abgelegten Kleidungsstücken angezogene Strohpuppe, war mit viel Hingabe in den Tagen vor Karneval von den Gebrüdern Bernhard, Hermann und Fritz Fromm angefertigt worden. Dabei diente das Maschinenhaus des Torfwerks, in dem Fritz Fromm tätig war, als Werkstatt. Hier hatte man Platz, es war dort schön warm, und man wurde nicht gestört. Bei dieser Arbeit durfte auch das nötige Tröpfchen nicht fehlen, das schließlich auch zum Gelingen beitragen mußte. War das Werk vollbracht, wurde der Bacchus bis zum tollen Dienstag hinter der großen marmornen Schalttafel im Maschinenhaus verstaut. Von diesen abendlichen Bastelstunden ist so manche Anekdote zu berichten.
Nachdem Paul Stryszyk 1954 als Prinz fungierte, konnte in den Jahren 1955 und 1956 kein offizieller Karneval gefeiert werden, weil der Saal bei Lütkenhaus mit Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten belegt war. Nach dieser Pause von zwei Jahren übernahm Fritz Gutheim, nicht zuletzt auch zum zehnjährigen Jubiläum, nochmals die Regentschaft als Prinz Karneval, diesmal begleitet von Ehefrau Irmgard als Prinzessin. August Kerkfeld, der inzwischen vom Bauernhook zur Nachbarschaft Hochmoor übergewechselt war, führte als Präsident des Festausschusses das erste Prinzenpaar ein. Fortan ist es Tradition, daß zu Karneval ein Prinzenpaar proklamiert wird, ausgenommen in den Jahren 1960 und 1961, als man aus Sorge um einen vollen Saal einen öffentlichen Karneval veranstaltete. Danach wurde wieder jedes Jahr Hookskarneval gefeiert, 1962 mit Kurt und Gertrud Bücker als Prinzenpaar.
1962 erfuhr die Nachbarschaft einen Zuwachs durch das inzwischen bebaute Gebiet zwischen Klasmannsiedlung (alte Kolonie) und den Siedlerhäusern am Blumengarten (jetzige Kardinal-von-Galen-Straße), dem Viertel Bernhard-Wiesch-Straße. Achtzehn Familien waren hier eingezogen, die Karneval in gleicher Weise wie seinerzeit die ersten Neusiedler feierlich aufgenommen wurden.
Das Hooksfest 1963 mit dem Prinzenpaar Egon und Anita Lesch hatte schon eine besondere Note. Neben dem Tanzmariechen, das diesmal von Gertrud Bücker verkörpert wurde, gab es schon eine Polizeigarde mit dem Gardeoffizier, dargestellt von Irmgard Gutheim. Der Polizeigarde gehörten an: Maria Jackisch, Herta Klavon, Helga Hamburger, Anni Scholz, Grete Franke und Irmchen Fromm. Mit ihren prachtvollen Uniformen, die von den Frauen in wochenlanger mühevoller Arbeit hergestellt worden waren, gaben sie ein buntes Bild im Karneval ab.
Auch die Männer standen nicht nach, man ergänzte die Runde mit dem Elferrat: Kurt Bücker, Jochen Franke, Hermann Hamburger, Herbert Jackisch, Otto Klavon, Robert Kolve, Hans Scholz, Paul Stryszyk, Heinrich Tenkamp, Rudi Wegner und Willi Wietheger. Karl-Heinz Stryszyk war Fahnenträger, Fritz Gutheim Präsident. Auch sie waren eine schmucke Truppe mit den eigens angeschafften Elferratskappen, in dunklen Anzügen mit bunten Fliegen.
Im folgenden Jahr schon wurde aus der Polizeigarde die Prinzengarde, und diese Zusammensetzung mit Elferrat, Fahnenträger und Präsident wurde bis zum heutigen Tag beibehalten.
Nachdem schon am 1. April 1955 eine erste Satzungsänderung vorgenommen worden war, mußte 1963 eine grundlegende Änderung erfolgen. Die Nachbarschaft mußte sich abgrenzen, weil zwischen Gänsegraben und Nord-Süd-Straße ein größeres Baugebiet entstand. Um die Nachbarschaft Hochmoor nicht zu groß werden zu lassen, konnten die hier ansässig werdenden Siedler nicht aufgenommen werden. Man einigte sich auf folgende Grenzen:
Im Norden die Südseite des Gänsegrabens, im Osten die Westseite der Gescherer Straße, im Süden die Nordseite des Pionierweges, im Westen Fichten- und Lagerweg.
Eine Ausnahme machte man für die Bewohner der Optantenhäuser. Weil diese Häuser abgerissen werden sollten und die Bewohner ja nicht freiwillig fortzogen, konnten sie weiterhin im Hook bleiben. Dies galt auch für die Familie Bernhard Böckmann, die bereits an der Pappelallee außerhalb der neuen Hooksgrenzen gebaut hatte.
Mit der neuen Satzung erhielt die Nachbarschaft auch einen neuen Namen. Da sie als Hookssymbol die Vennetüte (großer Brachvogel) fährt, nennt sie sich fortan
 
VENNETÜTENHOOK
 
zur Unterscheidung von anderen, in der Zukunft folgenden Hooksgemeinschaften.
An dieser Stelle sollte erwähnt werden, daß seit der Abgrenzung der nun schon 50 Jahre alten Nachbarschaft und als Folge der weiteren Entwicklung von Hochmoor noch weitere
13 ( Stand: 03.1999 ) Nachbarschaften entstanden sind. Der Vennetütenhook ist bisher der einzige Hook, der in jedem Jahr mit einem neuen Prinzen aufwartet.
Die erste Hooksfahne mit der einsamen Vennetüte auf dem Schlüssel mußte wegen "Altersschwäche" vor einigen Jahren aus dem Verkehr gezogen werden, da sie sonst nicht überlebt hätte. Unter der künstlerischen Regie von Benno Hanke und dank der geschickten Hände von Margret Vögeding ist eine neue Fahne entstanden. Sie zeigt nach dem Vorbild der Fahne des Schützenvereins den großen Brachvogel, schützend über seinen vier Küken, umrahmt von dem Spruch:
" Gemeinsamkeit in Freud und Leid ".
 
Die Rückseite schmückt in gekreuzter Stellung die Wiedergabe der Torfstechgeräte, wie sie zur Abtorfung des Moores verwendet wurden.
Es bleibt der Wunsch, daß die Nachbarschaft noch lange unter der Fahne mit dem wohlgemeinten Spruch bestehen möge.
Ab dem Jahre 1983 erhielt jeder neue Karnevalsprinz zur Proklamation einen Orden. Dieser wurde von Hermann Tastowe in Blei von Hand gegossen. Jeder Orden ist ein Unikat. Auf der Vorderseite ist das Hooksemblem zu sehen. Auf der Rückseite der Name des Prinzenpaares nebst Jahreszahl. Jeder Prinz muß den Orden auf künftigen Karnevalsfeiern tragen.
Im Jahre 1991 fiel das traditionelle Karnevalsfest aus. Neben vielen Unruhen auf unserem Globus rückte ein Geschehen recht nah an uns heran. Und so fing es an:
Nach Auseinandersetzungen über die Erdölförderung marschierten irakische Truppen unter Führung des Diktators Saddam Hussein im August 1990 in Kuwait ein, besetzten in kurzer Zeit das gesamte Land und erklärten es zur 19. Provinz des Irak. Eine Reihe von Resolutionen des UN-Sicherheitsrates zur Verurteilung dieser Invasion gipfelten in einem Ultimatum, das den bedingungslosen Rückzug der irakischen Truppen aus Kuwait bis zum 15. Januar 1991 forderte. Da der Irak dieser Forderung nicht nachkam, startete eine Koalition unter Führung der Vereinigten Staaten eine heftige militärische Aktion gegen militärische und zivile Ziele im Irak und in Kuwait. Im sich daraus entwickelnden Golfkrieg erlitt der Irak eine schwere Niederlage und zog sich im Februar 1991 aus Kuwait zurück.
Keinem Nachbarn stand der Sinn nach Karneval. Man traf sich zum gemeinsamen Kaffeetrinken. Musik und Tanz fielen diesmal aus.
Im Jahre 1996 übernahm Herbert Thiede offiziell das Amt des Karnevalspräsidenten von Hermann Tastowe, nachdem er Tastowe in den Vorjahren karnevalistisch unterstützt hatte. Einen besseren Lehrmeister konnte sich Thiede nicht wünschen, denn Hermann Tastowe setzte in diesem Bereich Maßstäbe.
Am 08.08.1998 feierte die Nachbarschaft ihr 50-jähriges Bestehen. Dieses Jubiläum wurde als öffentliches Ereignis in Form einer Beachparty gefeiert. Alles war auf den Beinen. Auf dem öffentlichen Parkplatz im Ort entstand neben dem Festzelt eine Poollandschaft mit 80 Tonnen Sand und 10.000 Litern Wasser. Eine Polkabühne im Freien diente als Tanzfläche. Neben Faßbier gab es Sangria aus Eimern. Bei sehr warmen und sommerlichen Wetter war dieses Fest der Höhepunkt im Kalenderjahr. Dank vieler freiwilliger Helfer, insbesondere dem Elferrat und der Prinzengarde sowie der Initiative der Organisatoren Antonius Lütkebohmert, Josef Vogt und Herbert Thiede, war das Jubiläumshooksfest ein voller Erfolg.
Auf der Generalversammlung im November 1998 stellte Bernhard Voßkühler sein Amt als 1. Vorsitzender zur Verfügung. Nachfolger wurde Antonius Lütkebohmert, der bereits im Hooksvorstand als 2. Vorsitzender seit Jahren tätig war. Bernhard Voßkühler wurde für seine langjährige Tätigkeit zum Ehrenpräsidenten ernannt und übernimmt künftig beratende Tätigkeiten im Vorstand.
Im März 1999 ging die Nachbarschaft mit einer Homepage in´s Internet. Karnevalspräsident Herbert Thiede stellte die Seiten zusammen. Die Seite wurde mit folgendem Namen offiziell registriert: 
 
www.vennetueten.de

Unerwartet groß war das Echo auf diesen Internetauftritt. So schrieb uns ein verzogener Nachbar per Email, daß er erst jetzt im Internet gewahr wurde, daß sein Großvater der 1. Hookspräsident war.
Am 19.11.2001 trafen sich 11 Nachbarschaftsfrauen ( Angelika Gertz, Andrea Heimradt, Brigitte Kloster, Marlies Lütjan, Iris Lütkebohmert, Rita Röhling, Rita Sindermann, Jutta Tenkamp, Renate Tenkamp, Rita Thiede, Marietta Vogt ) und 2 Nachbarschaftsmänner ( Antonius Lütkebohmert, Herbert Thiede ) um zu besprechen, wie man ein neues Liederheft, welches zum Singen beim Kränzen eingesetzt wird, gestalten kann. Aus diversen Vorlagen wurden neue Liedertexte zusammengestellt. Die Texte wurden von einigen Frauen geschrieben und anschließend von Herbert Thiede zu einem ansehnlichen Liederheft zusammengestellt.
Da die Beteiligung am Karnevalsfest in den letzten Jahren stetig abnahm, wurde erstmals im Jahre 2003 zusammen mit der Nachbarschaft Bürgerhook gefeiert. Hier war die Begeisterung groß und bereits im Folgejahr 2004 war der Saal in der Gaststätte "Zum Weißen Venn" sehr gut gefüllt.
Auf der Generalversammlung 2005 wurden die ehemaligen Vorstandsmitglieder Hermann Tastowe und Werner Berger als Mitglieder in den Ehrenvorstand aufgenommen.
Trotz der Zusammenlegung mit dem Bürgerhook ließ die Beteiligung am Karnevalsfest von Jahr zu Jahr immer weiter nach. Auch wurde es immer schwieriger, ein Prinzenpaar für das Fest zu gewinnen.
Im Jahre 2008 war es dann soweit: Letztmalig zogen Elferrat, Prinzengarde und Prinzenpaar (in Form eines 3-Gestirns) zur Abendfeier in den Saal ein. Die Beteiligung beider Nachbarschaften war schlecht. Kosten und Aufwand standen nicht mehr in einem "gesunden" Verhältnis zu der Anzahl der teilnehmenden Nachbarn. Als letztes Highlight führte ein 3-Gestirn die Prinzengarde nebst Elferrat an (Prinz: Ralf Lütkebohmert, Jungfrau: Reinhold Gertz, Bauer: Norbert Tenkamp).
Am 17.05.2008 wurde das Jubiläum "60 Jahre Vennetütenhook" in Form eines Sommerfestes auf der "Spinne" (Bernhard-Wiesch-Str.) gefeiert. Bei regnerischem Wetter trafen sich Jung & Alt im Festzelt. Kaffee & Kuchen gab es kostenlos und alle Getränke gingen zum Jubiläumspreis von 60 Eurocent über die Theke.

Seit Bestehen der Nachbarschaft waren folgende Vorsitzende sowie (Karnevals-)Präsidenten im Amt:
Josef Lammering - Präsident
Fritz Gutheim - Präsident
Bernhard Fromm - Präsident
Helmut Krämer - Vorsitzender
Hans Thiede - Vorsitzender
August Kerkfeld - Vorsitzender
Hugo Sicking - Präsident
Rudi Reese - Präsident
Hermann Tastowe - Präsident
Fritz Gutheim - Vorsitzender
Bernhard Voßkühler - Vorsitzender
Herbert Thiede - Präsident
Antonius Lütkebohmert - Vorsitzender
Reinhold Gertz - aktuell 1. Vorsitzender